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Eine belarusische Studentin berichtet über ihre Haft

13.02.2025

In Belarus protestierten im Jahr 2020 Menschen gegen den Machthaber Alexander Lukaschenko. Die Massenproteste wurden gewaltsam niedergeschlagen und es gab zahlreiche wahllose Festnahmen.

Als Anna M. im Zuge der „Studentenprozesse“ festgenommen wurde, war sie Anfang 20. Sie hatte damals ihr Studium abgeschlossen und war auf der Suche nach einem Arbeitsplatz. Das war keine leichte Sache: Da M. auf ihren Rechten bestand und einer Zuteilung nicht zustimmte – in Belarus besteht bis heute die sowjetische Praxis, dass der Staat den Studierenden ihren ersten Arbeitsplatz auswählt – wurde sie von keiner Einrichtung eingestellt.

Im Jahr 2019 beteiligte sich M. gemeinsam mit ihren Mitstreiter*innen von der Organisation „Jugendblock“ am Wahlkampf für die Parlamentswahlen. In diesem Moment, sagt sie, habe sie verstanden: Seit 1994, als Alexander Lukaschenka an die Macht kam, hat es in Belarus keine freien Wahlen mehr gegeben. Dennoch entschloss sie sich zur Teilnahme, „um die Aufmerksamkeit unpolitischer Jugendlicher zu wecken und ihnen eine Plattform zur Meinungsäußerung zu geben“. Ins Parlament kam M. nicht, aber die Erfahrung, sagt sie, habe sie in gewisser Weise auf die Ereignisse der folgenden Jahre vorbereitet.

Im Sommer 2020 half M. in der Wahlkampfzentrale von Viktar Babaryka, die die Unterschriften für seine Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten sammelte. Er wurde später festgenommen und zu 14 Jahren Haft verurteilt. Im Oktober arbeitete sie im Umfeld von Svetlana Cichanouskaja. Trotz der Gefahr blieb M. bis zum letzten Moment im Land, bis die Sicherheitskräfte am 12. November 2020 um 8 Uhr morgens die Tür ihrer Wohnung aufbrachen. Die Hausdurchsuchung dauerte mehr als einen halben Tag und M. erwarteten 20 Stunden Verhör durch den KGB. Bevor sie ins Ungewisse aufbrach, bestand sie darauf, sich zu duschen, sich warm anzuziehen und etwas zu essen. Es sollten zwei Jahre und 18 Tage vergehen, bis sie diese normalen Dinge das nächste Mal tun würde können – so lange verbrachte M. für ihre Unterstützung der Student*innen im Gefängnis.

M.: „Ich bin nicht zufällig im Gefängnis gelandet. Nicht, weil ich aus Leichtsinn einen „falschen“ Beitrag geliked hätte, wie einige der Gefangenen. Ich wusste, wohin mein Engagement führen könnte. Es war ein bewusster Weg“, sagt M., „obwohl ich mir nicht habe vorstellen können, wie schwierig die Erfahrung im Gefängnis sein würde.“

Anders-sein zeigen

Zum Zeitpunkt deiner Festnahme warst du unter den Festgenommenen die einzige öffentlich bekannte Person. Du warst als studentische Aktivistin, als Teilnehmerin des Parlamentswahlkampfs 2019 und als Vertreterin für jugendpolitische Fragen bekannt. Wie kamst du zum Aktivismus?

M.: „ Als Kind hatte ich den Wunsch, allen zu helfen – den Vögeln, meinen Freunden und Spielsachen, meinen Eltern. Meine Familie hat mir erzählt, dass ich damals davon geträumt habe, Präsidentin zu werden – oder Ärztin. Als ich älter wurde, wollte ich als Volontärin arbeiten. Einer meiner Klassenkameraden engagierte sich ehrenamtlich in der Organisation „Junge BNF“ [Bel. Nat. Front – Anm. d. Ü.] und sein Beispiel inspirierte mich sehr. Auch meine Kindheit hat mich stark geprägt. Als Kind habe ich oft die Sommerferien in Wjasynka, dem Geburtsort des belarusischen Nationaldichters Janka Kupala [zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte er sich für die Wiedergeburt von Belarus ein, das damals zum Russischen Reich gehörte, während der Sowjetzeit war er Repressionen ausgesetzt und starb 1942 unter ungeklärten Umständen – Anm. d. Red.] verbracht, las seine Werke und verbrachte Zeit in der Nähe seines Hauses. Und das hat Spuren hinterlassen. Noch in der Schule habe ich versucht, auf die belarusische Sprache umzusteigen. Leider haben mich meine Verwandten und Freunde nicht unterstützt: Sie verstanden nicht, was das sollte, denn für sie war die belarusische Sprache eher ein Pflichtfach in der Schule. Und da komme ich und versuche, Belarusisch zu sprechen – ein Mädchen, dessen Vater aus einem anderen Land kommt und kaum Belarusisch spricht, und dessen Mutter die Sprache überhaupt nicht beherrscht, obwohl sie in Belarus geboren wurde. […] [Nach seiner Machtübernahme führte Alexander Lukaschenka in Belarus zwei Staatssprachen ein: neben Belarusisch auch Russisch. Laut der Volkszählung von 2019 betrachten 61 % der Belarusen Belarusisch als ihre Muttersprache, aber nur 28 % sprechen es im Alltag. Der Rest spricht Russisch – Anm. d. Red.]

M.: „Auch an der Uni habe ich versucht, mein Anders-sein zu zeigen, aber auch dort wurde ich nicht akzeptiert. Ein Studienprogramm, das nichts mit dem Leben zu tun hat, Zensur, die Ausbeutung des Potenzials der Student*innen durch die Dozent*innen im wissenschaftlichen Bereich – viele Dinge, die ich dort beobachtet habe, waren für mich inakzeptabel. Aber eben in dieser Zeit hatte ich eine, wie ich finde, schicksalhafte Begegnung: Ich wurde in das Bildungsprogramm „Akademie für studentische Führung“ aufgenommen, von wo aus ich in die Organisation „Union belarusischer Studenten“ gelangte. Hier engagierte ich mich in Bildungsveranstaltungen, in der Vertretung studentischer Rechte, in Fragen des Anschlusses des belarusischen Bildungssystems an den Bologna-Prozess usw. Gemeinsam entwickelten wir ein Rabattsystem für Studierende, berieten sie in verschiedenen Belangen und bauten einen Co-Working-Space auf. Dabei ging es nicht nur um Bildung. Es ging auch um Rechte, um Geschichte, um die Studentenbewegung, darum, was wir erreichen können, wenn wir uns zusammenschließen, wenn wir nicht schweigen, wenn wir versuchen, unsere Gedanken in aktives Handeln umzusetzen.“

Du hast 2019 am Parlamentswahlkampf teilgenommen und hattest die Möglichkeit, dir selbst ein Bild von der Spezifik dieses Systems in Belarus zu machen. Wie hast du die Ereignisse des Sommers 2020 wahrgenommen? Auf was hast du gehofft?

M.: „Ich wusste, wie gut das alte, an die belarusischen Realien angepasste NKUS-System [Innenministerium – Anm. d. Ü.] weiterhin funktioniert. Ich habe daher nicht geglaubt, dass sich die Regierung im Land durch Wahlen ändern lassen würde. Ich dachte, die Leute würden einfach in den sozialen Medien ihre Empörung über die manipulierten Wahlen zum Ausdruck bringen, vielleicht würde jemand auf die Straße gehen, um zu protestieren. Aber die Massenbewegung, die sich im Jahr 2020 gezeigt hat, hat mich wirklich beeindruckt. […] Selbst meine Bekannten und Freunde, die meinen Initiativen manchmal herablassend gegenübergestanden und nicht verstanden hatten, warum ich meine Zeit mit sozialen Aktivitäten verschwendete, änderten ihre Meinung. Als ich schon im Gefängnis saß, schrieben sie, dass sie mich „umsonst ausgelacht“ hätten, und bekannten, dass meine Intuition über das Potenzial der belarusischen Gesellschaft völlig richtig gewesen war… – es musste einfach der Schlüssel gefunden werden, der dieses Potenzial nach außen freisetzen konnte. […]“

„Wenn du dich nicht ordentlich aufführst…“

Bist du davon ausgegangen, dass du verhaftet werden könntest? Gab es Warnungen?

M.: „Direkte Warnungen gab es keine. Hinweise von Bekannten, die in den Strukturen der Sicherheitskräfte arbeiteten, habe ich auch nicht erhalten. Aber später erfuhr ich aus einem Papier, das meiner Akte beigefügt war, dass es operative Ermittlungen gegen mich gab: Die Sonderdienste haben meine Telefonate abgehört und Zugriff auf elektronische Geräte gehabt – nicht nur auf meine, sondern auch auf die meiner Familie und meines engeren Umfelds. Das begann am 15. August, ungefähr zu der Zeit, als ich in den Koordinierungsrat aufgenommen wurde, der Lukaschenka Verhandlungen über eine friedliche Machtübergabe anbot.

Als ich dieses Papier sah, musste ich innerlich lachen. Denn im August hatte ich eine furchtbare Paranoia, dass man mich beobachtet. Damals waren überall irgendwelche seltsamen Männer um mich herum; wenn ich telefonierte, hörte ich Störgeräusche. Offensichtlich war das keine Paranoia, sondern es war tatsächlich alles so.

[…] [I]n diesem Moment hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass dies ins Gefängnis führen könnte. Ich war mir nicht sicher, ob ich dazu bereit war – vermutlich ist dazu niemand bereit –, aber mir wurde klar, dass ich die Verantwortung bereits übernommen hatte und nicht einfach gehen und verschwinden konnte. […]

Schließlich wurdest du festgenommen. Erinnerst du dich an diesen Tag, den 12. November 2020? Wie hat er für dich begonnen?

M.: „Ich erinnere mich gut daran, wie er endete.

Der Morgen begann damit, dass jemand heftig gegen die Tür hämmerte. Mein Partner und ich erwarteten an diesem Tag den Besuch der Vorsitzenden des Dorfrats. Als mein Freund sah, wer da an der Tür war, begann er eilig, die weiß-rot-weiße Flagge und die Aufkleber zu entfernen, die in unserer Wohnung waren. „Das ist nicht sie“, stieß er hervor. Ich hatte nur Zeit, mich anzuziehen und meinen Kollegen zu schreiben, dass „sie gekommen“ seien. Im selben Moment brachen die Sicherheitskräfte die Tür auf. […]

Sie beschlagnahmten unser gesamtes technisches Inventar: Computer, Telefone, Tablets. Als die Durchsuchung vier Stunden später beendet war, bestand ich darauf zu duschen. Danach packte ich eine Notfalltasche mit warmen Sachen und Hygieneartikeln, die ich im Gefängnis brauchen würde. Sie sagten, das sei überflüssig, da wir nur für ein paar Stunden wegfahren. Aber ich wusste: Es wird für lange sein. […]“

Ein furchtbarer Ort

Sie haben dich zum KGB gebracht. Was ist dort mit dir passiert?

M.: „Ich wurde ohne Anwalt mehr als 20 Stunden lang verhört. Während des Verhörs gab es Unterschiedliches. Zuerst versuchten sie, sich wie „gute Polizisten“ mit mir zu unterhalten. Als sie die Informationen, die sie von mir brauchten, nicht erhielten, begannen sie zu schreien und mich auf dem Stuhl zu schütteln. Mir kam es vor, als würden sie verschiedene psychologische Schemata an mir anwenden, um mich aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Sie hatten Ausdrucke von meinem Telefon, von verschiedenen Chats, und sogar solche Nachrichten, die ich vor langer Zeit gelöscht hatte. Aber die enthielten nichts Dramatisches. Dass ich Mitglied des Stabs von Svetlana Cichanouskaja war, war schon vorher bekannt. Die Mitarbeiter befragten mich zu verschiedenen Personen, versuchten mich zur Weitergabe von Informationen zu bewegen und benannten Fakten über mich, die nur meine Familie wissen konnte. Ich begriff, dass jedes meiner Worte Konsequenzen für andere Menschen haben könnte, also wog ich jedes einzelne ab. In der Nacht wurde ihnen wohl klar, dass sie nicht viel aus mir herausholen würden, und zum ersten Mal in der ganzen Zeit gaben sie mir schließlich Wasser zu trinken. Ich habe ihnen ein erläuterndes Papier geschrieben, dass ich in keiner Weise schuldig bin, dass ich Aktivistin war, Mitglied des „Jugendblocks“ war, am Bologna-Prozess mitgearbeitet habe – alles legale Aktivitäten, die nicht gegen die Gesetzgebung der Republik Belarus verstoßen. Sie lasen das, wurden wütend und brachten mich gegen fünf Uhr morgens ins Untersuchungsgefängnis.

Bevor ich in die Zelle kam, musste ich meine Piercings entfernen und Fingerabdrücke abgeben. Das dauerte lange, vierzig Minuten, weil ich sehr müde war. […] Ich legte mich hin, um auszuruhen, aber schon nach dreißig Minuten hieß es Aufstehen. Nach dem Frühstück wurde ich wieder zur Befragung gebracht, aber bereits mit einer Anwältin.“

Du bliebst fast zehn Tage in der Untersuchungshaftanstalt des KGB. Das ist ein Gebäude, in dem in einer Nacht des Jahres 1937 132 Menschen erschossen wurden, darunter belarusische Schriftsteller und Wissenschaftler. Als was hast du dieses Gebäude gesehen?

M.: „Das ist ein furchtbarer Ort. Mich regten vor allem die Wände auf, sie waren in einem unangenehmen Blauton gestrichen, der meine Augen reizte und anstrengte. Normalerweise wirkt Blau beruhigend, aber eben dieser Farbton hatte eine andere Wirkung auf das Gehirn. Mir schien, dass dieses Detail viel über den Ort selbst aussagt: Unter dem Anschein guter Absichten und der „Wahrung der Ruhe im Land“ machen die KGB-Offiziere schreckliche Dinge mit dir.

An den Wänden der Zelle, in der ich mich befand, waren Kreuze eingeritzt. Ich dachte an die Menschen, die hier vor mir saßen, und fühlte mich unwohl.

Die Zelle war sehr kalt, mit einem kleinen Fenster oben, durch das man kein Sonnenlicht sehen konnte. Im Grunde bist du eingemauert in Betonwände, die eine so schreckliche Farbe haben, dass du dich davon erbrichst. Um dich herum gibt es nichts außer Möbeln aus Beton und einem Bett, auf das sich tagsüber zu legen verboten ist. Ein Betonhocker, ein Betontisch, ein Waschbecken und ein Eimer statt einer Toilette. Das war die Zelle Nummer zwei.

Zweimal täglich zu einer festen Zeit brachte man mich auf die Toilette – zu Mittag und um 17 Uhr. Aber was ist, wenn du beispielsweise während des Frühstücks auf die Toilette musst? Ich musste das aushalten, weil man in den Eimer nur pinkeln konnte, das haben sie kontrolliert, wenn sie mich auf die normale Toilette gebracht haben. Für das Auswaschen des Eimers und die Erledigung meiner Dinge gab man mir nicht mehr als zwei Minuten. Es war sehr demütigend, wenn du gerade die Kabine betreten hast, und der Mitarbeiter draußen brüllt und haut gegen die Tür: „Los, schneller!“ Es war unmöglich, alles zu erledigen. Mehr als eine Woche lang quälte ich mich mit Darmproblemen.

Am Abend vor meiner Verhaftung hatte ich eine schlimme Erkältung bekommen. Wegen der Kälte in der Zelle – ich deckte mich mit meinem Wintermantel zu, der mich aber nicht aufwärmte – wurde ich noch kränker. Ich bat um medizinische Hilfe, aber meine Bitte wurde abgelehnt. Ohne ärztliches Attest durfte ich meinen täglichen Spaziergang im Betonhof nicht auslassen, auch wenn es mir schlecht ging. Krank, wie ich war, brachten sie mich zum Spaziergang nach draußen, wo es goss, und ließen mich für mehr als zwei Stunden dort. Als ich wieder hineingebracht wurde, war ich durch und durch nass. In derselben nassen Kleidung musste ich in der kalten Zelle schlafen; Wechselkleidung hatte ich nicht mitnehmen dürfen. Davon wurde ich noch kränker.

In der Einzelhaft hatte ich nichts zu tun und fing buchstäblich an, verrückt zu werden. Irgendwann fing ich an, meine Finger zu benennen und zu zählen. Aber was kann man auch tun? Denken? Ich walkte ja schon so permanent die Gedanken in meinem Kopf durch. In der Zelle herumgehen? Einige Wärter verboten selbst das.

Aber das grauenvollste dieser Erfahrung, das mir im Gedächtnis geblieben ist, das sind die Schreie, die ich in den ersten Tagen im KGB gehört habe. Ich wusste nicht, wer das war, aber mir schien, dass man der Person, die da schrie, große Schmerzen zufügte. Einmal brachte man mich zum Verhör. Der Wärter und ich gingen und redeten ruhig miteinander, er deutete sogar an, dass wir – diejenigen von uns, die in den Fall verwickelt waren – mehr als fünf und weniger als elf seien; in der ersten Zeit waren mir ja selbst solche Umstände unbekannt. Und plötzlich, von einem auf den anderen Moment, stieß er mich heftig und verdrehte mir die Hände. Ich stand an die Wand gepresst und sah, wie jemand mit einem Sack über dem Kopf, fast bis zum Boden gebeugt und mit gefesselten Händen, den Korridor entlanggeführt wurde. Ich begriff, dass man mich umgedreht hatte, damit ich das nicht sehe. Und ich überlegte, dass ich vielleicht die Schreie eben dieses Menschen gehört hatte.“

Der Prozess gegen deine Gruppe dauerte fast zwei Monate. Wie hast du auf das Urteil reagiert – zweieinhalb Jahre Gefängnis?

M.: „ […] Mir tat es vor allem für die anderen leid, darum, dass so junge Leute so lange Zeit sitzen sollen, einfach wegen nichts. […] Es war bitter zu sehen, wie es meine Angehörigen schmerzte. […]“

Und jenseits des Zauns – das normale Leben

Fast ein Jahr lang warst du in der Untersuchungshaftanstalt, in einer sehr engen, dunklen Zelle. Und dann plötzlich die Kolonie – mehr Platz und Sonnenlicht, aber auch mehr Brutalität. Wie hast du dich an den neuen Ort gewöhnt?

M.: „Mir war klar, dass es in der Kolonie nicht besser sein würde als in der Untersuchungshaft. Trotz der Tatsache, dass es dort mehr Platz, Natur, die Möglichkeit zur Kommunikation, zum Spazierengehen und zum Rauchen gab, fuhr ich mit dem Gefühl, dass sie versuchen würden, mich auf jede erdenkliche Weise zu quälen. Davor „warnte“ man mich bereits in der Untersuchungshaft.

Auf dem Territorium der Kolonie war alles maximal gereinigt und gestrichen. In der Nacht hatte es stark geregnet, aber auf dem Asphalt waren keinerlei Pfützen geblieben – das hat mich überrascht. Später erfuhr ich, dass die Gefangenen gezwungen werden, sie zu entfernen. Jenseits des Zauns waren gewöhnliche Wohnhäuser zu sehen, was mich sehr berührte. In der Untersuchungshaft sitzt du in einem Schloss [bis 2024 befand sich die Untersuchungshaftanstalt im Gebäude eines Schlosses – Anm. d. Red.] und begreifst nicht ganz, dass um dich herum das normale Leben läuft. Hier aber war das offensichtlich: Da, jenseits des Zaunes, gehen Mütter mit ihren Kindern, und du hörst sogar ihre Stimmen. Wir, die Häftlinge, waren da wie die Tiere im Zirkus. Mir scheint, so sieht unser Land für Ausländer aus: Alles schön und sauber, aber tatsächlich passieren darin entsetzliche Dinge.

Bevor ich in die Kolonie überstellt wurde, wurde mir gesagt, dass ich nach Ablauf der Haftzeit nicht freikommen würde: Man würde neue Strafverfahren gegen mich eröffnen. Und nach etwa drei oder vier Monaten begann man, diese Drohung umzusetzen: Es kamen Ermittler, die begannen, mich zu verhören. Vermutlich wollten sie mir eher Angst machen und zusätzlichen Druck erzeugen. Aber es war unmöglich, das zu überprüfen, und der Gedanke, dass sich der Aufenthalt unter diesen harten Bedingungen auf zwölf Jahre ausdehnen könnte, ist geeignet, jeden zu destabilisieren.“

Und was hat dir in dieser Hölle Halt gegeben?

M.: „Ich habe mich an viele gute Momente mit anderen Menschen und an bestimmte lustige Geschichten erinnert. In der Untersuchungshaft erkrankte ich an meinem Geburtstag an einer Bronchopneumonie. Ich lag auf dem Bett und konnte nicht aufstehen. Aber meine Zellengenossinnen brachten mir einen Käsekuchen, den sie von draußen bekommen hatten, steckten ein Streichholz hinein – und es wurde so eine Art Torte draus. An diesem Tag erhielt ich mehr Briefe als jemals zuvor. Und das hat sehr unterstützt. Mir hat der Gedanke Halt gegeben, dass das eines Tages enden würde und ich nicht für den Rest meines Lebens hier sitzen werde.“

„Eben das treibt mich jeden Tag aus dem Bett“

Obwohl du eine schwierige Erfahrung gemacht hast, über die du noch nicht hinweg bist, arbeitest du jetzt in Projekten, die politischen Gefangenen helfen. Was gibt dir die Kraft, in deiner Arbeit täglich zu dem Thema zurückzukehren, das dich selbst traumatisiert hat?

M.: „Ich denke, dass das in allererster Linie Menschen sind, die jetzt im Gefängnis sitzen. Die ich kenne, mit denen sich während der Haft eine freundschaftliche Beziehung entwickelt hat. Menschen, die an der Zukunft von Belarus gearbeitet haben. Die Verantwortung gegenüber diesen Menschen und mir selbst, der Wunsch, sie so schnell wie möglich in Freiheit zu sehen und ihre Qualen zu beenden. […] Nur von hier aus, von der Freiheit aus, können wir ihnen irgendwie helfen. Dort können sie sich nur gegenseitig unterstützen, um ihre Bedingungen ein wenig zu verbessern, aber insgesamt können sie die Situation nicht ändern. Deshalb müssen wir alles tun, was möglich ist. Eben das treibt mich jeden Tag aus dem Bett.“

Die Fragen stellte Ljubou Kaspjarowitsch. Der Name der Protagonistin wurde redaktionell verändert.

Das Interview entstand im Rahmen des Marie-Mindermann-Stipendiums. Mit dem Stipendium unterstützt der DJV Bremen professionell oder ehemals professionell tätige Journalist:innen, die ihr Heimatland verlassen mussten. Damit wird den im Exil lebenden Journalist:innen die Möglichkeit geben, unabhängig ein journalistisches Projekt ihrer Wahl zu realisieren.

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